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Zwischen Leitfadenlogik und Materialrealität – der oft übersehene Blick auf Estrichdämmschichten nach Trinkwasserschäden: Immer wieder steht nach einem einmaligen Leitungswasserschaden in Wohnräumen die Frage im Raum, ob es trotz zeitnaher technischer Trocknung zu einer mikrobiellen oder physikalischen Beeinträchtigung des Bodenaufbaus bzw. der Estrichdämmschicht kommen kann. Um diese Frage vollumfänglich zu beantworten, muss der Blick über gängige Leitfäden zur Schimmelsanierung hinausgehen. Dies wird im Folgenden exemplarisch für expandiertes Polystyrol als Dämmmaterial durchgeführt.
Bei der Sanierung von Wasserschäden in Gebäuden kann man sich je nach Rahmenbedingungen diverser Leitfäden bedienen. Ist Trinkwasser beteiligt, wird meistens der „Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden“ [1] (im Folgenden „Schimmelleitfaden“ genannt) verwendet. Er gibt auf S. 160ff eine Hilfestellung, wie der Einzelfall von sachverständiger Seite aus zu bewerten ist. Dieser Leitfaden behandelt die Untersuchung und Sanierung mikrobieller Beeinträchtigungen. In begrenztem Umfang wird auch der Umgang mit möglichen Beeinträchtigungen der Stoffeigenschaften von Estrichdämmstoffen behandelt. Im UBA-Leitfaden wird diesem Punkt im Anhang unter „B.1.3 Szenario: Rückbau aus technischen Gründen empfohlen“ (S. 161 [1]) teilweise Rechnung getragen. Beispielsweise wird für Materialien, „die durch die Feuchteeinwirkung und/oder beim Trocknen ihre spezifischen funktionsrelevanten Eigenschaften verlieren“, der Rückbau empfohlen. Dies betrifft u. a. stark durchfeuchtete künstliche Mineralfasern (KMF, umgangssprachlich auch „Mineralwolle“), die aufgrund der Wassereinwirkung irreversibel in sich zusammengefallen sind und deren Funktion als Wärmedämmstoff bzw. Trittschalldämmung in der Folge beeinträchtigt ist.
Doch was gilt für den – abgesehen von Mineralfasern – am häufigsten verwendeten Dämmstoff EPS (expandiertes Polystyrol)? Verliert er durch Feuchteeinwirkung auch seine für die Funktion als Dämmstoff relevanten Eigenschaften? Und wie lässt sich das überprüfen?
Alle in Deutschland verwendeten Baustoffe müssen über eine CE-Kennzeichnung und/oder eine bauaufsichtliche Zulassung verfügen. Dafür müssen Materialien, die als Trittschalloder Wärmedämmung in Bodenaufbauten eingesetzt werden, den in der entsprechenden Norm aufgelisteten Mindestanforderungen genügen.
Die Untersuchungen der entsprechend aufgelisteten Stoffeigenschaften erfolgen u. a. als Validierung des Herstellungsprozesses durch externe Prüfinstitute und somit vor dem Verkauf und Einbau der Baumaterialien. Entsprechend gelten die Mindestanforderungen in der Norm nicht mehr für die eingebauten Estrichdämmschichten, da sie aufgrund von mechanischer Beanspruchung im eingebauten Zustand und bei Ausbau u. a. Beschädigungen und geringe Formveränderungen davontragen können. Um jedoch eine Einschätzung zu treffen, ob bzw. inwiefern eine Trinkwassereinwirkung die Stoffeigenschaften beeinträchtigt, bietet sich ein Vergleich von Estrichdämmstoffen aus demselben Gebäude an, wobei ein Bereich, der nicht vom Schaden betroffen ist, mit einem Bereich, in dem ein Trinkwasserschaden und eine zeitnahe technische Trocknung des Bodenaufbaus vorlagen, verglichen werden kann. Solch eine vergleichende Untersuchung wurde im vorliegenden Schadensfall durchgeführt:
VERGLEICHENDE UNTERSUCHUNG IM VORLIEGENDEN FALL
Es handelt sich um ein in Massivbauweise erstelltes, vierstöckiges Mehrfamilienhaus. Wenige Wochen nach Fertigstellung des Gebäudes kam es zum Trinkwasseraustritt aus dem Anschlussbereich einer neu installierten Geschirrspülmaschine in der Dachgeschosswohnung. Das Wasser verteilte sich über den Treppenraum und durch Leitungsdurchführungen in alle drei Stockwerke mit Schwerpunkt auf den Wohnungen, die in direkter Linie unter der Wasseraustrittsstelle liegen.
Es wurden zeitnahe technische Trocknungsmaßnahmen des Bodenaufbaus (bestehend u. a. aus einem Heizestrich und zwei Lagen expandiertem Polystyrol) durchgeführt. Nach Beendigung der Trocknungsmaßnahmen stellte sich die Frage, inwiefern der Bodenaufbau der Wohnungen infolge des Trinkwasserschadens nicht nur aus mikrobiologischer Sicht, sondern auch im Hinblick auf die physikalischen Stoffeigenschaften beeinträchtigt war.
Zur Untersuchung einer möglichen mikrobiellen Beeinträchtigung des Bodenaufbaus trotz zeitnaher Trocknung wurden aus allen betroffenen Wohnungen eine repräsentative Anzahl an Materialproben der Estrichdämmschicht (EPS) entnommen und mikroskopisch sowie per Kultivierung auf eine Schimmelbelastung hin untersucht. Gemäß dem „Schimmelleitfaden“ lagen alle Werte im Bereich von üblichen Hintergrundkonzentrationen (<104 Koloniebildende Einheiten/g, direktmikroskopisch unauffällig). Eine mikrobielle Beeinträchtigung war somit nicht gegeben.
Für die Untersuchung hinsichtlich einer möglichen Beeinträchtigung der physikalischen Eigenschaften der Estrichdämmschichten (relevant für ihre Funktion als Trittschallbzw. Wärmedämmung, vgl. die Tabellen 1 und 2) wurden wie oben beschrieben aus einem Raum, in dem eine Durchfeuchtung mit anschließender technischer Trocknung stattgefunden hatte, mehrere Blöcke (Größe zwischen 300 x 300 mm und 500 x 500 mm mit einer Gesamtfläche von ca. 1800 x 1800 mm) der Estrichdämmschicht entnommen (Bilder 1 – 3). Dazu wurde zuerst vorsichtig der Estrich unter Erhalt der Fußbodenheizung entfernt und die obere Lage der Dämmschicht freigelegt. Ebenso wurde in einem baugleichen Raum in einer anderen Wohnung, die nicht vom Trinkwasserschaden betroffen war, vorgegangen.

Nach Heraustrennen der Dämmschichten wurden die Blöcke luftdicht verpackt und zeitnah einem Materialprüfinstitut übergeben. Dort wurden die beidenSchichten entsprechend der Norm DIN 4108-10:2021-11 „Wärmeschutz und Energie Einsparung in Gebäuden – Teil 10: Anwendungsbezogene Anforderungen an Wärmedämmstoffe“ [2] auf die für ihre Funktion als Trittschallbzw. Wärmedämmung relevanten Eigenschaften hin untersucht. Die jeweiligen Eigenschaften mit den entsprechenden Mindestanforderungen gemäß der Norm und die Spezifikationen zu den Prüfkörpern sind in den Tabellen 1 und 2 zusammengefasst. Darüber hinaus wurden auch die Feuchtegehalte der Materialproben und ihre mittlere Wärmeleitfähigkeit bestimmt.
Die Ergebnisse der Materialprüfungen sind in Tabelle 3 und 4 veranschaulicht. Wie an den Laborwerten ersichtlich, erfüllen fast alle Prüfwerte der Estrichdämmschicht aus dem vom Leitungswasserschaden betroffenen Bereich die Vorgaben der Norm DIN 4108-10 „Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden – Teil 10: Anwendungsbezogene Anforderungen an Wärmedämmstoffe“ [2] für die jeweilige Funktion als Trittschallbzw. Wärmedämmung.

von Wohnräumen [Tabelle 4, S. 17, DIN 4108-10:2021-11] sowie Spezifikationen zu den Prüfkörpern.
Δεl Relative Längenänderung, Δεb Relative Breitenänderung

von Wohnräumen [Tabelle 4, S. 17, DIN 4108-10:2021-11] sowie Spezifikationen zu den Prüfkörpern.
Δεl Relative Längenänderung, Δεb Relative Breitenänderung
Eine Ausnahme bildet der Prüfwert für die Druckspannung bei 10% Stauchung, der geringfügig unterhalb des in der Norm klassifizierten Grenzwerts von 100 kPa liegt. Hierbei sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:
a) Der Prüfwert für die Druckspannung bei 10% Stauchung für die Estrichdämmschicht, die
b) Die Vorgaben der Norm für die Dämmstoffe gelten nur zum Zeitpunkt nach dem Herstellungsprozess und somit vor Einbau in den Bodenaufbau und Aufbringen des Estrichs. Im vorliegenden Fall wurden die Dämmstoffe ein und wieder ausgebaut, was einerseits eine erhebliche Druckbelastung im eingebauten Zustand und andererseits eine mechanische Belastung beim Ausbau darstellt. Für diesen Fall liegen keine Vergleichsund Richtwerte vor.

Anzumerken sei, dass die vom Leitungswasserschaden und von der technischen Trocknung betroffenen Dämmschichten im Sinne der Norm teilweise bessere Messwerte aufweisen als die nicht vom Schaden betroffenen Dämmschichten.
Schlussfolgernd liegt im vorliegenden Schadensfall (zeitnah getrockneter Trinkwasserschaden an EPS-Dämmschichten) weder eine mikrobielle Belastung des Bodenaufbaus noch eine Beeinträchtigung der physikalischen Eigenschaften der Estrichdämmschichten durch die Trinkwassereinwirkung und die nachgelagerte technische Trocknung vor. Somit ist auch keine Beeinträchtigung der technischen Restnutzungsdauer der im Bodenaufbau verbliebenen, getrockneten Dämmschichten gegeben.
Es ist davon auszugehen, dass sich das Ergebnis der Überprüfung der physikalischen Eigenschaften, d. h. für die Funktion als Trittschallbzw. Wärmedämmung relevanten Eigenschaften, auf andere, zeitnah getrocknete Trinkwasserschäden übertragen lässt. Nach erfolgreicher technischer Trocknung ist keine Beeinträchtigung der physikalischen Eigenschaften aufgrund der Wassereinwirkung zu erwarten. Folglich sollte eine zeitnahe, technische Trocknung in solchen Fällen die bevorzugte Sanierungsmaßnahme sein.

LITERATUR | QUELLENANGABEN
[1] „Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden“, Innenraumlufthygienekommission des Umweltbundesamtes, Dessau-Roßlau, 04/2024
[2] DIN 4108-10 „Wärmeschutz und Energie-Einsparung in Gebäuden Teil 10: Anwendungsbezogene Anforderungen an Wärmedämmstoffe“, 02/2021
[3] DIN EN 13163 „Wärmedämmstoffe für Gebäude – Werkmäßig hergestellte Produkte aus expandiertem Polystyrol [EPS] – Spezifikation“, 02/2017
APPENDIX
• EPS: expandiertes Polystyrol
• Biegefestigkeit BSi: Die Biegefestigkeit (auch Biegezugfestigkeit oder Bruchmodul) ist die maximale Zugoder Druckspannung in der Randfaser eines Bauteils, bevor es bei Biegebeanspruchung bricht oder versagt.
• Dimensionsstabilität im Normalklima DS(N)i: Die Dimensionsstabilität im Normalklima bewertet die Maßbeständigkeit von Werkstoffen, insbesondere Wärmedämmstoffen, unter definierten Umgebungsbedingungen. Sie beschreibt die irreversible Änderung von Länge, Breite und Dicke, wobei Grenzwerte wie ± 0,2 % oder ± 0,5 % eingehalten werden müssen, um Formveränderungen (Schrumpfen/Quellen) zu begrenzen.
• Dynamische Steifigkeit SDi: Die dynamische Steifigkeit ist ein zentraler Kennwert für das Federungsvermögen von Dämmstoffen (Trittschall, WDVS), gemessen in MN⁄m3 . Sie beschreibt, wie stark ein Material unter Schwingungseinwirkung (Resonanzfrequenz) nachgibt, wobei niedrigere Werte eine bessere Schalldämmung (weicher) bedeuten.
• Zusammendrückbarkeit CPi: Die Zusammendrückbarkeit (Compressibility) bei Trittschalldämmstoffen, festgelegt in den Stufen CP2 bis CP5 nach EN 13162 bzw. DIN 4108-10, beschreibt die maximale Dickenabnahme (Δd=dL– dB) unter Last. Sie bestimmt die zulässige Nutzlast auf dem Estrich, wobei geringere Werte (z. B. CP2 = 2 mm) höhere Belastungen erlauben als höhere Werte (z. B. CP5 = 5 mm).
• Druckspannung bei 10 % Stauchung CS(10): Die Druckspannung bei 10 % Stauchung, oft als CS(10) bezeichnet, ist ein nach DIN EN 826 gemessener Kennwert für Dämmstoffe. Er gibt an, welche Kraft in Kilopascal (kPa) nötig ist, um ein Material um 10 % seiner Dicke zu stauchen.
• Verformung bei definierter Druckund Temperaturbeanspruchung DLT(i)5: Die Verformung bei definierter Druckund Temperaturbeanspruchung wird hauptsächlich nach der Norm DIN EN 1605:2013 bestimmt. Dieses Verfahren prüft, wie sich Wärmedämmstoffe unter spezifischer Last und Wärme verformen.
• Mittlere Wärmeleitfähigkeit: Die mittlere Wärmeleitfähigkeit (λ oder lambda) beschreibt das durchschnittliche Vermögen eines Materials oder Untergrunds, Wärmeenergie zu transportieren, gemessen in Watt pro Meter und Kelvin [W/(m⋅K)].
• Δεl Relative Längenänderung
• Δεb Relative Breitenänderung
• DES: Innendämmung der Decke oder Bodenplatte (oberseitig) unter Estrich mit Schallschutzanforderungen
• DEO: Innendämmung der Decke oder Bodenplatte (oberseitig) unter Estrich ohne Schallschutzanforderungen
